Interview

Erzählen als Identitätsstiftung
Der Filmemacher Rudi Gaul und der Dramaturg Heiko Voss über Verdis DER TROUBADOUR Beide haben noch nie eine Oper inszeniert. Mit Verdis „Der Troubadour“ hat sich das Regie-Duo Rudi Gaul und Heiko Voss für sein Debüt eine der bekanntesten Opern überhaupt vorgenommen. Am Samstag feiert die Produktion am Freiburger Theater Premiere.
„Unterwegs nach Freiburg: Casting für Azucenas Kinder. Der Troubadour kommt 2015. Meine erste große Oper als Regisseur. Aufgeregt“. Das haben Sie am 12. Dezember 2014 getwittert;

Herr Gaul. Sind die Kinder inzwischen gefunden?

GAUL: Ja, wir haben sehr spielfreudige Kinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren gecastet. Zum Teil waren sie bei früheren Freiburger Theaterproduktionen wie der „Csardasfürstin“, „Gottes kleiner Krieger“ oder auch im „Ring des Nibelungen“ dabei. Die Kinder sind eine Besonderheit in unserer Inszenierung. Im Libretto gibt es sie bekanntlich nicht – da spielt nur ein totes Kind eine große Rolle. Bei uns sind die Kinder lebendig. Es sind Azucenas Kinder und sie werden in diesen gewaltvollen Rachekreislauf hineingeboren.

Welche Funktion haben sie im Stück?

GAUL: Das Problem am „Troubadour“ ist, dass viel erzählt, aber wenig auf der Bühne gezeigt wird. In Verdis Libretto wird von einer furchtbaren Vorgeschichte berichtet, die die ganze Oper determiniert. Die Zigeunerin Azucena hat ein Kind entführt und ins Feuer geworfen, von dem sie glaubt, es sei einer der beiden Söhne des verhassten alten Grafen Luna. Dieser hatte zuvor ihre Mutter verbrannt. Aber Azucena verwechselte das Baby, so dass sie ihr eigenes Kind tötete. Manrico, der entführte Sohn des Grafen, wächst bei ihr auf. Die Kinder unserer Inszenierung bringen dieses Trauma der Kindstötung ins Bild.

VOSS: Dabei werden die Kinder auf der Bühne malen, um dieses Trauma zu verarbeiten. Azucena lebt ja nur noch für ihre Rache an der Männerwelt, die ihr Unglück verantwortet. Dafür instrumentalisiert sie die Kinder. Ihre Version der Geschichte präsentiert sie im zweiten Akt. Zu Beginn der Oper wird das gleiche Geschehen aus der gegensätzlichen Perspektive von Ferrando, dem Hauptmann des jungen Grafen Luna, erzählt. Die Männer wählen dafür in unserer Inszenierung ein anderes Medium: den Film. Mit den Filmen der Männer und dem Malen der Kinder wird gegenseitig ein Feindbild aufrechterhalten. Es geht in dieser Oper viel um das Erzählen als Ritual.

Dienen diese Filme der Männerwelt als Propaganda, mit der sie sich einschwören gegen den Feind?

GAUL: Absolut. Die Männergesellschaft im „Troubadour“ definiert sich ganz stark in der Abgrenzung gegen alles Weibliche. Die einflussreichen Propagandisten waren immer große Erzähler. Und haben die Medien Film und Musik genützt – gerade in ihrer Kombination.

Sie sind eigentlich Filmemacher, Heiko Voss ist Dramaturg am Freiburger Theater und hat das Drehbuch zu Ihrem Film „Das Zimmer im Spiegel“ von 2007 mitgeschrieben. Wie äußerte sich bis jetzt Ihre künstlerische Zusammenarbeit?

VOSS: Wir haben uns vor zehn Jahren beim Studium in München kennengelernt und schnell ein künstlerisches Team gebildet. Neben dem Film haben wir schon zwei Theaterproduktionen in München gemacht. Wir treffen uns jeden Sommer für ein bis zwei Wochen auf dem Land und sprechen über Projekte, die wir realisieren möchten. Drehbücher, aber auch Operninszenierungen. Dabei ist es schon interessant, dass wir aus unterschiedlichen Bereichen kommen – es besteht eine große Offenheit gegenüber dem anderen Genre.

GAUL: Oper und Film sind gar nicht so weit voneinander entfernt. Diese Schnittmengen möchten wir uns anschauen, gerade auch im „Troubadour“. Giuseppe Verdis „Der Troubadour“ arbeitet mit Techniken, die auch im Film Verwendung finden. Es gibt viele Rückblenden, harte Schnitte, große Zeitsprünge.

War das für das Freiburger Theater ein Grund, Sie zu engagieren?

GAUL: Das weiß ich nicht. Aber es gibt schon komische Zufälle. In meinem neuesten Film „Das Hotelzimmer“ geht es auch um zwei unterschiedliche Perspektiven einer Geschichte, eine männliche und eine weibliche. Und um Erinnerung und Erzählung als Identitätsstiftung. Das hat schon sehr viel mit dem „Troubadour“ zu tun. Ich glaube, diese Punkte haben auch Verdi mehr interessiert als der reine Handlungsablauf, der nicht kohärent auf die Bühne gebracht werden kann.

VOSS: Verdis grundsätzliche Ästhetik ist es, den gegenwärtigen Moment affektgeladen auf die Bühne zu bringen. Im „Troubadour“ geht es nicht um die psychologische Entwicklung der Figuren. Verdi denkt besonders bei dieser Oper in Bildern. Er öffnet ein Bild und schließt es wieder. Was dazwischen passiert, ist ihm nicht so wichtig. Es gibt im„Troubadour“ so viele verschiedene Melodien wie in keiner anderen Oper Giuseppe Verdis. Kaum eine Phrase wird entwickelt oder zwischen den Figuren weitergetragen.

Wie bestimmt die Musik Verdis Ihre Inszenierung?

GAUL: Sie ist natürlich das Wichtigste. Man muss aber schon genau hinhören, weil sie manches Mal etwas anderes sagt als der Text.

VOSS: Es gibt viele Diskrepanzen, die wir sehr ernst nehmen. Hört man nur auf die Musik beim Duett zwischen Luna und Leonora, dann könnte man meinen, die beiden hätten eine leidenschaftliche Beziehung – so ekstatisch hat das Verdi komponiert. Andererseits präsentiert das Libretto Manrico und Leonora als großes Liebespaar, aber Verdi hat kein einziges Liebesduett für sie geschrieben. Vergleicht man die Arien von Manrico und Luna miteinander, dann wirkt der Nebenbuhler Luna viel empathischer. Er wäre vielleicht der bessere Partner für Leonora gewesen. Manrico geht es immer nur um sich. Er eignet sich nicht für die Zweisamkeit.

Ist Manrico nicht beziehungsfähig, weil er nicht weiß, wer er ist?

GAUL: Genau. Und weil er von Azucena instrumentalisiert wird. Sie benützt ihn als Speerspitze, um gegen das Patriarchat zu kämpfen. Wenn der eine Bruder den anderen umbringt, dann wird das Patriarchat an der empfindlichsten Stelle getroffen.

Azucena hätte Luna ja auch verraten können, dass Manrico sein Bruder ist, bevor er ihn hinrichten lässt.

GAUL: Daran sieht man auch, dass es ihr nur um die persönliche Rache geht. Sie will dieses furchtbare Ende wirklich herbeiführen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE GEORG RUDIGER